Institut für Angewandte Psychologie in der forensischen Praxis

Arbeitsbereich Prognose


Die Beantwortung der Frage, ob ein Mensch, der strafrechtlich in Erscheinung getreten ist, weitere Straftaten begehen wird, steuert in erheblichem Ausmaß den strafrechtlichen Sanktionsprozess.

Strafbemessung

Bereits im Erkenntnisverfahren beeinflussen Annahmen über das zukünftige Legalverhalten von Rechtsbrechern die Auswahl und Bemessung von Strafen (§ 46 I StGB) und anderer Rechtsfolgen (z.B. Maßregeln der Besserung und Sicherung gem. §§ 61 ff.) und bestimmen über die Frage ihrer Vollstreckung mit (§§ 56, 59, 67 b StGB).

Strafvollzug

Auch die Rahmenbedingungen beim Vollzug freiheitsentziehender Sanktionen (z.B. offener vs. geschlossener Vollzug, vgl. § 10 I StVollzG) sowie Entscheidungen hinsichtlich der Gewährung von Lockerungen und Beurlaubungen (§§ 11, 12 StVollzG) orientieren sich letztlich an einer individuellen Rückfallprognose.

Strafaussetzung

Schließlich ist auch die Aussetzung des Restes befristeter oder lebenslanger Freiheitsstrafen zur Bewährung (§§ 57, 57 a StGB) oder die Aussetzung einer Maßregel (§ 67 d StGB) an die prognostisch günstige Erwartung zukünftigen Legalverhaltens geknüpft.

Psychologische Kriminal- bzw. Rückfallprognosen

- liefern eine wissenschaftlich begründete inhaltliche Entscheidungsgrundlage für eine wohl überlegte „Risikokalkulation" (Rasch 1985) hinsichtlich des zukünftigen strafrechtsrelevanten Verhaltens einer Person, 
- identifizieren personale Risikofaktoren,
- explizieren die spezifische inhaltliche Beziehungen zwischen Risikofaktoren und Kriminalität und Straffälligkeit,
- benennen situationale Rahmenbedingungen, unter denen eine (zukünftige) Realisierung  dieser Risiken zu befürchten ist,
- helfen bei der Optimierung der Indikationsstellung
- bieten begründete Empfehlungen zur inhaltlichen Anpassung von spezialpräventiven psycho- oder sozialtherapeutischen Behandlungsbemühungen.

Grenzen der Prognose

Eine hundertprozentig sichere Vorhersage des zukünftigen Legalverhaltens ist jedoch nicht möglich. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass jedes Verhalten einer Person eine Funktion der Interaktion zwischen Person und Situation darstellt.

Selbst unter den (praktisch nicht gegebenen bzw. realisierbaren) Voraussetzungen der zeitlichen Stabilität aller relevanten Aspekte der Persönlichkeit und der Möglichkeit, diese vollständig und fehlerfrei zu erfassen, können kritische Lebensereignisse und anderer Ausnahmesituationen nicht seriös vorhergesagt werden.

Solche Ereignisse beeinflussen das Verhalten eines Menschen jedoch ganz erheblich.

Vorteile einer wissenschaftlich fundierten Prognose

Trotz dieser Einschränkungen bieten wissenschaftlich fundierte Kriminalprognosen erhebliche Vorteile gegenüber alternativen Entscheidungsprozeduren (z.B. intuitiven Einschätzungen):
  • Einen grundsätzlichen Schutz vor den Schwächen und Verzerrungen menschlicher Urteilsbildung bei der Beurteilung komplexer Sachverhalte,
  • ein logisch evidentes und inhaltlich nachvollziehbares allgemeines Vorgehen
  • die prinzipielle (empirische) Möglichkeit einer Überprüfung der Prognosen hinsichtlich ihrer Angemessenheit und Effizienz,
  • eine im Einzelfall transparente und kontrollierbare Anwendungspraxis,
  • die Bezugnahme auf bewährte theoretische Konzepte und gesicherte empirische Befunde, sowie
  • eine (hinreichende) Erkundung der spezifisch relevanten individuellen Risikofaktoren
  • eine explizite Klärung der inhaltlichen Zusammenhänge zwishen Risikofaktoren und zu prognostizierenden Verhalten (Dahle, 2000).